"Ich wollte sie bis zum Schluß zuhaus betreuen"
Frau
Czesnat (67) pflegte sieben Jahre lang ihre demenzkranke Mutter
(91) in der gemeinsamen Wohnung. 1998 erzählte sie uns, wie
sie mit ihrer Mutter zusammenlebt. Im Mai 2000 entschied sie
sich nach langem innerem Kampf dafür, die Mutter in einem Pflegeheim
weiterbetreuen zu lassen. Nun, da sie im Heim lebt, berichtet
Frau C. von der neuen Situation. Das Interview ist eine Zusammenfassung
beider Erzählungen.
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Juni 1998 -
Ein
normaler Tag zuhause
Das
ist ein Tagesablauf, der eigentlich keiner ist. Meine Mutter
ist oft in der Nacht mehr wach als am Tage. Und wenn sie dann
vollkommen erschöpft aufstehen soll, weil man den Tagesablauf
einhalten will, ist sie häufig sehr depressiv. Sie war das älteste
von sieben Kindern, mußte immer mit ran und kann auch jetzt
nicht ruhig dasitzen. Sie ist oft tagelang nicht zu bremsen,
ist unentwegt aktiv und nicht bereit, sich hinzusetzen oder
hinzulegen, obwohl sie so erschöpft ist, daß sie kaum noch stehen
kann. Und dann schläft sie wieder drei Tage, da kommt sie so
gut wie gar nicht aus dem Bett. Wenn man dann mit Gewalt versucht,
sie wach zu bekommen, wird sie aggressiv. So ist der Tagesablauf.
Tätigsein
Meine
Mutter bügelt nach wie vor leidenschaftlich gern, kann ihres
kranken Rückens und des Herzens wegen aber nur noch kleine Zuarbeiten
machen: Taschentücher, T-Shirts, Geschirrtücher, Seiflappen
bügeln. Wir verbrauchen dadurch viel Strom, aber sie ist beschäftigt.
Oder wenn sie Gurkensalat macht: Man muß ihr zeigen, wie sie
die Gurke schält, und wenn sie die geschält hat, gibt man ihr
den Gurkenhobel und dann hobelt sie die Gurke. Es ist eine Art
Beschäftigungstherapie, damit das erhalten wird, was sie noch
kann. Das erfordert viel Zeit und viel Geduld, die man dann
aufbringt, wenn man selbst nicht vom Tagesablauf gestreßt ist.
Wenn man aber unter dem Druck steht, z.B. pünktlich beim Arzt
sein zu müssen, dann ist das schon schwieriger.
Konfliktsituationen
Es
gibt viele Dinge, die man von seiner Mutter gelernt hat. Früher
wurden die Geschirrtücher aufgehängt, damit sie trocknen können,
und nun müssen sie in einer feinen Rolle ganz eng gerollt werden,
so daß die Feuchtigkeit überhaupt nicht entweichen kann. Sie
sagt dann, daß wir es schon immer so gemacht hätten. Oder, wenn
wir irgendwo draußen waren, hat sie jedesmal Leute erkannt,
die sie den Tag zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Zuerst habe
ich mich mit ihr angelegt und diskutiert. Aber das hat gar keinen
Sinn - sie kann eben nicht anders. Wenn sie heute bei jedem
Mann im Fernsehen, der einen Bart trägt, ihren Vater erkennt,
sage ich eben "Schön, daß du ihn wiedererkannt hast"
und dann freut sie sich.
Balance
halten: die eigenen Bedürfnisse
Ich
sage mir, ich muß ja nach Möglichkeit auch ein bißchen Kraft
tanken. Also gehe ich mittwochs mit einer Gruppe wandern, auch
um den Kontakt mit anderen Menschen zu halten. Das ist ein Risiko,
sie allein zu lassen. Aber die Nachbarn wissen das mit Mutter,
und wenn sie wirklich die Wohnung verließe, dann würden sie
sie zu sich nehmen. Ich stelle dann die Klingel und das Telefon
ab, damit sie nicht unruhig wird und gebe ihr einige Dinge,
mit denen sie sich allein beschäftigen kann. Ich ziehe den Vorhang
zurück, dadurch guckt sie auch sehr gerne raus zu den Vögeln,
oder wie die Wolken ziehen. Den Wandertag versuche ich bis jetzt
noch einzuhalten, auch um Kontakt mit anderen Menschen zu haben.
An einem Abend im Monat gehe ich noch ins Theater, gemeinsam
mit anderen.
Ich
sage mir, das Risiko muß man eingehen. Man gewöhnt sich an die
Risikobereitschaft. Kann ja der Tag kommen, wo es schiefgeht,
aber ich kann ja nun nicht warten; vielleicht gehts ja noch
drei Jahre gut?
Eine
Alternative: die Tageseinrichtung
Meine
Ärztin hat mir gesagt, daß meine Mutter mehr Abwechslung bräuchte.
Und man muß ja auch sehen, wie es weitergeht. Je weniger sie
selber kann, desto mehr sucht sie meine Nähe, und ich kann ja
nicht immerzu bei ihr sein. So kam ich zur "Abendsonne",
hab mir das angesehen und ihr dann gesagt, wir gehen da mal
hin. Da hat sie sich vollkommen steif gestellt und ist nur vergnatzt
mitgekommen. Ich hab mich davon aber nicht abbringen lassen,
ich sagte mir, du darfst dich nicht gleich geschlagen geben.
Ich mußte sie erst ein bißchen zu ihrem Glück zwingen, wenigstens
einen Tag in der Woche hinzugehen. Heute brauche ich nur noch
Kleidung hinzulegen, die zum Ausgehen anregt, also die sie zu
Hause nicht trägt, und sie freut sich darauf. Sie wird dort
begrüßt, alle kennen sie mit Namen, sie wird in alle Tätigkeiten
einbezogen.
Ängste
und Zweifel
Aber
innerlich war ich vollkommen zerrissen: Darf ich das machen?
Ich bin innerlich ganz erregt mit ihr in die Tagespflege gefahren,
hab' ihr gut zugeredet, hatte fast selbst nicht die Kraft und
habe sie dort abgegeben. Und mit einem Tag in der Woche ging
es wirklich nicht besonders gut. Dann sagten mir die Mitarbeiterinnen,
ein Tag sei zu wenig, bis zur nächsten Woche hätte sie vergessen,
daß sie bei uns gewesen ist. So geht sie jetzt immer zwei Tage
hin. Sie ist jetzt so gern dort, daß ich sagen kann, das war
richtig so. Manchmal gibt es Zeiten, wo man sich sagt "Mensch,
jetzt bist du fünf Jahre an die Situation gefesselt, bist so
eingespannt". Als ich vor kurzem in den Urlaub fahren wollte
und sie für diese Zeit zur Kurzzeitpflege sollte, habe ich lange
vorher überlegt, wann ich es ihr sagen soll, damit sie nicht
so unruhig wird. Als ich es ihr drei Tage vorher gesagt habe,
war sie mit meinem Urlaub einverstanden. Aber als ich dann fahren
wollte, war sie bitterböse mit mir: Sie hatte es wieder vergessen.
Das ist ganz schlimm, wenn man sich so verabschieden muß. Einmal
habe ich erlebt, wie meine Mutter auf dem Balkon stand und in
den Himmel sah und sich mit ihren Eltern unterhielt - als ob
sie ihnen sagen wollte, daß sie auch bald käme. Und da tat sie
mir sehr leid.
Juli
2000
Im
Zwiespalt
Noch
im vergangenen Jahr sagte ich, daß ich meine Mutter bis zum
Schluß zuhause pflegen möchte. Dabei spielten Traditionen unserer
Familie im Umgang mit den Alten eine Rolle. Und auch Schuldgefühle
spürte ich immer wieder. Ich war die einzige Tochter und ging
mit zwanzig Jahren von zuhause weg. Dreihundert Kilometer, nur
einmal im Monat war ich zu Besuch zuhause. Ich wollte ihr also,
gemeinsam mit meiner Tochter und deren Familie, den Lebensabend
in der häuslichen Athmosphäre so schön wie möglich gestalten.
Um ihr die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zu erhalten,
organisierte ich zum Beispiel einen Umzug im gleichen Haus in
eine größere Wohnung. Mit neunzig Jahren verschlechterte sich
ihr körperlicher Zustand, ihr Bewegungsdrang und ihre Lebenslust
aber waren ungebrochen. So zogen wir noch einmal um, diesmal
in eine Erdgeschoßwohnung in ruhiger Lage mit viel Grün und
Fernwärme. Meine Mutter wurde aber mit der Zeit immer verwirrter,
und so fiel es mir immer schwerer, unser gemeinsames Leben so
zu organisieren, daß wir beide ein erfülltes Leben führen konnten,
das unserem Alter entsprach. Dabei spürte ich von Jahr zu Jahr,
wie auch ich älter wurde. Gesundheitliche Probleme kamen noch
dazu.
Das
Alltagsleben wird schwieriger
Deshalb
brachte ich meine Mutter z.B. nicht mehr mit dem eigenen Pkw
in die Tagesstätte, sondern ließ sie durch den Fahrdienst abholen.
Das erleichterte den Tagesbeginn und erschwerte ihn zugleich:
Die Pflegeschwester wollte morgens in einer bestimmten Zeit
Mutter fertigmachen, dann warteten wir auf den Bus, aber die
Mutter, wenn sie angezogen war, wollte dann unbedingt nochmal
auf die Toilette, mußte also wieder ausgezogen werden, in der
Zeit klingelte schon der Busfahrer, der ja noch mehr Fahrgäste
hatte. Oder wir saßen im Winter, eingepackt mit Schal und Decke
und Handschuhen, hinter der Tür im Hausflur, meine Mutter im
Rollstuhl, und warteten, bis der Bus kam, weil der durch irgendwelche
Staus in der Stadt oder Verzögerungen bei anderen die Zeit nicht
einhalten konnte. Und an heißen Sommertagen, wenn sich der Busfahrer
am Nachmittag verspätete, kam Mutter gestreßt zuhause an, obwohl
der Tag in der Tagesstätte ihr immer wieder gut gefallen hatte.
Der Zeitdruck war sicher auch für sie belastend, nicht nur für
mich. Dann mußte meine Mutter zweimal hintereinander, im Januar
und März 2000, ins Krankenhaus gebracht werden. Danach mußten
wir ihr ein Krankenbett, einen Nachtstuhl und andere Hilfsmittel
ins Zimmer stellen. Die morgendliche Grundpflege konnte ich
nur noch gemeinsam mit der Pflegestation bewältigen. Immer häufiger
mußte ich Angehörige und Bekannte bitten, mir zu helfen, wenn
ich z.B. zur Angehörigensprechstunde oder zur Selbsthilfegruppe
gehen wollte. Familientreffen oder kulturelle Ereignisse, die
ich bis dahin noch irgendwie in die Reihe bekam, mußte ich streichen
oder extrem verkürzen.
Die
Familie
Meine
Tochter hat mich sehr unterstützt, indem sie die Pflege übernommen
hat, wenn ich einige Tage nicht zuhause war. Zum Beispiel hat
sie die Oma 14 Tage lang betreut, als ich in den Urlaub fuhr.
Auch mein jetzt sechszehnjähriger Enkel war ein-, zweimal in
der Woche bei ihr, um bei der Pflege mitzuhelfen. Als die Krankheit
immer weiter fortschritt, mußte ich dann aber doch die Kurzzeitpflege
in Anspruch nehmen. Meine Tochter stärkt mir auch weiterhin
den Rücken. Selbst ihr Mann und ihre Freunde haben mir sehr
geholfen, z.B. beim Umzug und der Renovierung im letzten Jahr.
Meine
Mutter war früher eine ganz aktive Frau, sie war immer die "Koordinatorin"
unserer großen Familie gewesen, sie hat alle zusammengehalten.
Jetzt rufen mich immer wieder Verwandte an, wie es denn "der
Dora" geht.
Die
Selbsthilfegruppe
Im
Rückblick finde ich ganz wichtig, daß man sich rechtzeitig Informationen
sucht, wie man mit demenzkranken Angehörigen im Alltag und der
ganzen Situation umgehen kann. So kann man sich besser darauf
einstellen. Ich hatte damals, zu Beginn des Zusammenlebens mit
meiner Mutter, eine Anzeige von PIKS in der Zeitung gelesen
und bin dann in die Selbsthilfegruppe gegangen, habe gefragt,
ob es nicht etwas gibt, das mir im Alltag hilft. Da haben sie
zu mir gesagt, ich sollte mal in die Gruppe der Angehörigen
von Alzheimer-Erkrankten gehen. Ich war zuerst nicht davon überzeugt,
daß ich da hin gehöre. Und heute ist es so, daß ich selbst eine
Gruppe leite, obwohl ich mir das nie vorstellen konnte. Aber
ich habe selbst viel Hilfe erfahren, und dann muß man das doch
auch weitergeben, oder? Damals wurde ich mit meinen ersten Problemen
von der Gruppe mit offenen Armen empfangen, konnte alles erzählen,
was sich am Anfang im Zusammenleben mit meiner Mutter abspielte,
später haben wir dann auch andere Phasen beraten, z.B. als sie
zur Tagesstätte gehen sollte, oder wie man einen Aufenthalt
in der Kurzzeitpflege vorbereitet oder jetzt auch, wie man den
Übergang in ein Heim gestalten kann, und wie man selbst mit
dem Gedanken fertig wird, die Angehörige in ein Heim zu geben,
den endgültigen Entschluß zu fassen.
Ein
schwerer Entschluß
Vor
mir hatten das zwei weitere Mitglieder der Gruppe bereits erlebt.
Ich habe dann auch immer wieder danach gefragt, was sie für
Gedanken gehabt haben, was sie für Absprachen mir ihrer Angehörigen
getroffen haben, ob man sie überhaupt darauf vorbereiten sollte,
oder doch selbst bestimmen sollte, jetzt bring' ich sie in das
Heim. Meine Tochter und auch andere Angehörige bestärkten mich,
die Mutter ins Heim zu bringen, weil sie sahen, daß ich die
Situation kaum noch verkraften konnte. Meine Tochter riet mir
auch, ich sollte die Oma nicht auf das Heim vorbereiten, weil
wir mehrfach erlebt hatten, daß sie bei Kurzzeitaufenthalten
sehr uneinsichtig war und der Meinung war, ich müsse ja selbst
wissen, was ich tue, wenn ich mal in den Urlaub fahren wollte.
Wir sind jedesmal in einem gewissen gespannten Verhältnis auseinandergegangen.
Ich habe also hin- und herüberlegt: wie machst du es nun richtig?
Schließlich kam mir ein mehrtägiger Ausflug der Heimbewohner
gemeinsam mit der Tagesstätte nach Heringsdorf zu Hilfe, bei
dem sich meine Mutter sehr wohlgefühlt hatte. Wir guckten uns
gemeinsam die Fotos vom Ausflug an, und ich erzählte ihr etwas
vom Alltag im Heim, von den Leuten, mit denen sie da zusammen
sein könne.
Im
Heim
Der
25. Mai war dann ihr erster Tag im Heim, im Emmaus-Haus. Wir
gingen also gemeinsam hin, ich machte meine Mutter darauf aufmerksam,
wie schön es mit dem neuen Anstrich in gelber Farbe aussehe,
wir haben uns ihr Zwei-Bett-Zimmer angeschaut, und meine Mutter
war auch sehr friedlich. Seit sie im Heim ist, besuche ich sie
regelmäßig an den Nachmittagen. Ich habe das Gefühl, daß sie
dort gut aufgehoben ist. Manchmal sage ich mir auch: man kann
nicht erwarten, daß sie alles so machen, wie ich es mir vorstelle,
auch zuhause habe ich Höhen und Tiefen erlebt und manchmal Fehler
gemacht.
Claudia
Dreke