Fachtagung:
Das Heim als Lebensraum für
Demenzkranke
3.
Alzheimer Tag Brandenburg
29. Juni 2000,
Potsdam
Die
Erwartungen an ein Heim aus der Sicht einer Angehörigen
Geertje-Froken
Bolle
Vorab
ein paar Sätze zu meiner Person: Ich bin sogenannte „pflegende
Angehörige“. Selber würde ich mich lieber etwas anders beschreiben.
Denn ich erlebe weder das Stichwort Pflege, noch das Stichwort
Angehörige als zentral. Vielmehr ist da ein anderer Mensch,
der mir sehr wichtig ist und wir versuchen gemeinschaftliches
Leben. Ich will das gemeinsame Leben nicht auf die notwendige
Pflege reduzieren. Das widerspricht nicht dem Begriff „pflegende
Angehörige“, ist aber doch – denke ich – nicht einfach dasselbe.
Also: Wir versuchen, unser Leben so zu organisieren, daß gemeinschaftliches
Leben mit meiner Mutter, einer schwerstdementen Frau möglich
ist. Wir versuchen in unserer Lebenspraxis ein wenig daran mitzuwirken,
daß Gewalt gegen altersverwirrte Menschen in unserer Gesellschaft
weniger wird. Über viele Jahre haben wir das versucht, als meine
Mutter in einem Heim gelebt hat. Seit gut zwei Jahren versuchen
wir das bei uns zu Hause.
Stellen
Sie sich vor:
Ein Heim als Lebensraum für Demenzkranke.
Sie
betreten ein Heim und erleben eine wohltuende Atmosphäre. Menschen,
die stimmig mit sich selbst wirken. Ein Ort, wo in weiten Teilen
Narrenfreiheit möglich ist. Innen ein geräumiges Haus, Gemeinschaftsräume,
in denen die BewohnerInnen zusammensitzen. Verschüttete Gläser,
die zur Normalität gehören. Fröhliches Singen von längst vergessen
geglaubten Liedern. Ein Mann, der voller Wut schimpft, und ein
Altenpfleger setzt sich mit verständnisvollen, ruhigen Worten
zu ihm. Ein anderer, der den Inhalt verschiedener Saftflaschen
– vielleicht aus Ordnungsliebe - zusammenschüttet. Eine Frau,
die an der Tischdecke herumhantiert und offensichtlich zu nähen
versucht. Das darf alles sein.
Draußen
ein schöner Garten – Menschen, die sich an den Händen halten
und einen Rundweg im Garten entlanglaufen, eine Dreiergruppe,
die auf einer Bank sitzt und sich offensichtlich gut unterhält
(auch wenn es Ihnen als Vorbeigehenden schwerfällt, ein gemeinsames
Thema herauszuhören), wache Augen, die Sie als Besuchende kritisch
mustern, zwei Männer, zigarrerauchend im Rollstuhl, eine bettlägerige
Frau, die von zwei anderen Frauen gerade in den Garten geschoben
wird (sind es Freundinnen oder Pflegepersonal – das ist nicht
zu erkennen).
Ein Heim als Lebensraum für Demenzkranke.
Lebensraum – das bedeutet, daß Raum da ist. Raum, in dem sich Demenzkranke
entfalten können. Raum, in dem sie sich zum Ausdruck bringen
können.
Lebensraum – das bedeutet, daß Leben da ist, daß der Raum Leben möglich
macht.
Lebensraum
für Demenzkranke – das bedeutet, daß die spezifischen Bedürfnisse
demenzkranker Menschen im Blick sind.
Ein Heim als Lebensraum für Demenzkranke
– nicht als Betreuungsort für die, die woanders nicht mehr unterkommen.
Mit
dem Bild, das ich gerade gezeichnet habe und mit der schönen
Überschrift unserer heutigen Fachtagung ist in Kürze genau das
beschrieben, was ich von einem Heim erwarte. Nicht mehr und
nicht weniger.
Ich
will dieses Bild bzw. diese Überschrift im folgenden ein wenig
durchbuchstabieren. Dabei nehme ich mir die Freiheit, einmal
nicht zu beklagen, sondern meine Erwartungen und Wünsche zusammenzustellen.
1)
Erwartungen
im baulich-räumlichen Bereich
Wenn
ich ganz ehrlich sein soll: Ein modern und teuer eingerichteter
Eingangsbereich im Heim macht mich mißtrauisch. Die Größe der
Zimmer halte ich für relativ unwichtig. Bezüglich der Unterbringung
erscheinen mir die Bedürfnisse Demenzkranker höchst unterschiedlich.
Ob Einzel- oder Mehrbettzimmer, ob kleineres oder größeres Zimmer,
eigene Möbel oder nur wenige Bilder und Erinnerungsstücke, eigene
Toilette und Dusche oder nicht – all dies variiert und läßt
sich m.E. nicht als allgemein wünschenswerter Standard beschreiben.
Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sogar sagen, daß
es eine untergeordnete Rolle spielen kann, ob jedes Zimmer eine
eigene Toilette und Dusche hat oder nicht. Einige Demenzkranke
fühlen sich sogar sicherer, wenn sie nachts nicht alleine im
Zimmer schlafen. Manche laufen ständig umher und gehen gern
50 Meter bis zur nächsten Toilette. Oder sie sind körperlich
so hinfällig, daß ein beweglicher Toilettenstuhl viel bessere
Dienste tut. Kurz: hier muß individuell geschaut werden.
Andere
bauliche und räumliche Fragen sind m.E. viel entscheidender:
Gibt es innen und außen lange Wege – vielleicht geschickt angelegte
Rundwege, so daß sehr unruhige Demenzkranke die Chance haben,
umherzulaufen? Haben die BewohnerInnen die Möglichkeit, alleine
in einen zum Heim gehörigen Garten zu gehen? Im Idealfall geht
es ebenerdig nach draußen in einen umzäunten Garten, so daß
das selbständige nach draußen gehen ohne Gefahr möglich ist.
Ich
wünsche mir offene und geschlossene Bereiche, so daß Demenzkranke
mit Weglauftendenzen nicht ständig in Gefahr sind und daß umgekehrt
andere sich nicht eingesperrt fühlen.
Ich
wünsche mir möglichst keine Stufen und Treppen innerhalb der
Wohnbereiche. Dafür breite Türen und, wenn nötig, Fahrstühle.
Fahrstühle, die geräumig genug sind, daß ein Bett darin Platz
hat, so daß auch bettlägerige Menschen an die frische Luft gebracht
werden können.
Sinnvoll
finde ich übersichtliche, kleine Wohneinheiten. Zimmer, die
unterschiedlich aussehen. Kurz: gute Voraussetzungen dafür,
daß Demenzkranke sich orientieren können.
Ich
wünsche mir möglichst wenig Gefahrenquellen bzw. eine Sensibilität
der Mitarbeitenden, mit solchen Gefahrenquellen umzugehen. Dazu
gehören eine Fülle von Kleinigkeiten, ein paar Beispiele will
ich nennen: Stabile Stühle mit Rücken- und Armlehnen, abgehobelte
Türschwellen, Steckdosen mit Kindersicherungen, Toilettentüren,
die notfalls von außen geöffnet werden können, Fenster, die
einerseits von den BewohnerInnen selbständig geöffnet werden
können und andererseits keine Gefahrenquellen darstellen (Kippfenster),
und, und, und.
Ich
wünsche mir eine Innenausstattung, die Entfaltungsraum möglich
macht. Mir ist z.B. ein abwaschbarer Fußboden, der es verträgt,
wenn das halbe Essen und Trinken auf dem Boden landet, viel
lieber als die schönste wohnliche Auslegeware, wenn sie bewirkt,
daß die Demenzkranken nicht alleine essen dürfen.
Ich
kann hier nur exemplarisch Dinge benennen. Wichtig finde ich
aber auch vor allem, daß Mitarbeitende im Heim offen dafür sind,
individuell an Problemlösungen zu arbeiten, die die Demenzkranken
möglichst wenig einschränken.
2)
Erwartungen
im inhaltlich-konzeptionellen Bereich
Hierzu
gehört zunächst, daß die spezifischen Bedürfnisse Demenzkranker
gesehen werden und daß die Notwendigkeit spezieller Qualifikation
für die Arbeit mit Demenzkranken akzeptiert ist. Ganz wichtig
ist mir, daß Demenzkranke und Nicht-Demenzkranke nicht gemeinschaftlich
untergebracht sind. (Ein Beispiel: ...)
Für
entscheidend halte ich, daß Demenzkranke bis zum Sterben im
Heim bleiben können und sich nicht in der Spätphase der Krankheit
noch einmal auf ein neues Zuhause einstellen müssen.
Ein
wichtiges Ziel für den Alltag im Heim ist es, daß Demenzkranke
sich zum Ausdruck bringen können. Je weiter die Demenzerkrankung
voranschreitet, desto mehr sind die Menschen angewiesen auf
deutliches Angesprochenwerden, auf Beziehungsaufnahme von außen.
Solche Beziehungsaufnahme macht einen Großteil der Lebensqualität
aus. Und: Für solche Ansprache braucht es Zeit. (Manches Mal
dauert es bei meiner Mutter alleine 10 Minuten, bis sie einen
wahrgenommen hat. Manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis
sie anfängt zu sprechen.–Manchmal ist eine Mahlzeit auch nach
einer Stunde noch nicht zu Ende – wenn das Essen nicht hineingeschoben
werden soll, sondern wenn wir bei jedem Bissen warten, bis sie
verstanden hat, daß jetzt etwas zu Essen kommt.) Ich wünsche
mir, daß für so etwas im Heim Zeit ist. Zur persönlichen Ansprache
gehört nicht nur ein guter Personalschlüssel und eine spezifische
Qualifikation der Mitarbeitenden. Dazu gehören auch viele, viele
Kleinigkeiten. Z.B. ob die Mitarbeitenden bei einem Gang durch
einen Gemeinschaftsraum zwischendurch Frau N. zum zwanzigsten
Mal freundlich guten Tag sagen – oder daß die Musiktherapeutin
auf dem Weg zur Musiktherapie drei freundliche Worte für Frau
K. übrig hat. Menschen sind nötig, die sich Zeit nehmen können.
Das kann durchaus ein gut organisierter Stamm von ehrenamtlichen
Besuchenden sein. Das können gut angeleitete Zivildienstleistende
sein. Das kann durch das gezielte Einbeziehen pflegender Angehöriger
gelingen.
Für
viele Demenzkranke sind kontinuierliche Bezugspersonen sehr
entscheidend. Aber auch hier ist Vorsicht geboten vor Verallgemeinerungen.
Für meine Mutter z.B. ist die persönliche Ansprache zentral
– die Personen selber dürfen dabei auch ruhig wechseln.
Ein
regelmäßig wiederkehrender Rahmen im Tagesablauf, gibt Sicherheit.
Kriterium für den Tagesablauf sollte immer auch das je individuelle
Bedürfnis sein. Ein umfangreiches Angebot von Musiktherapie,
Physiotherapie etc. ist natürlich wünschenswert. Mindestens
genauso wichtig finde ich das Einbeziehen therapeutischer Kenntnisse
in den Alltag. Manchmal ist das Liedersingen beim Waschen oder
beim Kochen noch wichtiger als die wöchentliche Stunde Musiktherapie.
Ich
wünsche mir Angebote für sinnvolles Tun, Beteiligung am täglich
Notwendigen, nicht bloße Beschäftigung. Es ist ein Unterschied,
ob ich am Essen kochen oder Kuchen backen beteiligt bin oder
ob ich zum hundertsten Male etwas ausmalen soll oder ein Kinderspiel
spielen soll.
Daß
körperliche Fähigkeiten möglichst lange erhalten bleiben, ist
bei Demenzkranken genauso wichtig wie bei anderen. Natürlich
ist es wichtig, daß darauf geachtet wird, daß Brille und Hörgerät
und zweite oder dritte Zähne in einem ordentlichen Zustand sind.
Natürlich ist es wichtig, daß Menschen, so lange sie dazu in
der Lage sind, aufstehen und ordentlich gekleidet werden.
Menschen
verändern sich. Auch Demenzkranke verändern sich. Lange Zeit
war z.B. für meine Mutter das Vorlesen von altbekannten Gedichten
ein Genuß, inzwischen hält sich das in Grenzen. Lange tat es
ihr gut, wenn wir abends ein Gute-Nacht-Lied gesungen haben.
Zur Zeit ist es hilfreicher, zum Einschlafen mit ihr gemeinsam
zu atmen. Das A und O ist ein waches Hinschauen und ein Wahrnehmen
je veränderter Bedürfnisse.
3)
Erwartungen
im Umgang mit Angehörigen
Vor
allem wünsche ich mir, daß die Kompetenz der Menschen, die den
Demenzkranken begleiten, wahrgenommen, geachtet und einbezogen
wird. Wer kann hilfreicher sein, wenn es um die so notwendige
Biographiearbeit geht, als die vertrauten Menschen? Vielleicht
läßt sich so vorher erfahren, daß ein Ausstellungsbesuch mit
der Demenzkranken stärker von Erfolg gekrönt sein wird als ein
Besuch im Zoologischen Garten (oder umgekehrt). Und manches
Mal können Angehörige sogar im Bereich der Pflege im engeren
Sinne hilfreiche Unterstützung für das Pflegepersonal geben.
(Vielleicht hat die Ehefrau drei Jahre lang Erfahrung damit,
wie sie ihren Ehemann zum selbständigen Zähneputzen motivieren
kann. Oder der Sohn hat ein genaues Gespür dafür entwickelt,
wann seine Mutter die Toilette aufsuchen will.)
Ein
weitmöglichstes Einbeziehen Angehöriger in das Pflegekonzept
erscheint mir sinnvoll und allen Beteiligten zu Gute kommend.
Mitarbeitende und Angehörige können gemeinsam schauen, wo Angehörige
einbezogen werden können. Hier können auch zwei sich ergänzende
Bedürfnisse zusammenkommen: Die knappe Zeit des Pflegepersonals
auf der einen Seite und der Wunsch, noch etwas tun zu können,
von Seiten der Angehörigen.
Vielleicht
gibt es die Möglichkeit, daß ein kleines Café für BewohnerInnen
und BesucherInnen eingerichtet wird. Ich fände es gut, wenn
Angehörige auf ehrenamtliches Engagement in solchen Bereichen
angesprochen werden.
Vielleicht
ist es ganz unbürokratisch möglich, daß Angehörige im Heim mitessen,
wenn sie zu den Essenszeiten zu Besuch sind. Wie anders wird
es von einem Demenzkranken erlebt, ob er ißt und seine Frau
danebensitzt und zuschaut – oder ob es eine gemeinsame Essenssituation
ist. (Der nötige finanzielle Aufwand scheint mir angesichts
der atmosphärischen Veränderung minimal.)
Ich
erwarte, daß Angehörige, die das wünschen, in außergewöhnlichen
Situationen sofort informiert werden. Vielleicht ist es für
eine Demenzkranke, die einen schlimmen Sturz hinter sich hat,
sehr entscheidend, ob ihre Freundin gleich vorbeikommt oder
nicht.
Ich
halte es für absolut notwendig, daß die Möglichkeit besteht,
daß Angehörige während schwerer Krankheitsphasen und in der
Sterbephase rund um die Uhr dabeisein können. Dafür sollten
einzelne Zimmer existieren, die ganz kurzfristig von Angehörigen
mitbelegt werden können.
Die
Beratung der Menschen, die die Demenzkranken begleiten, zählt
m.E. zu den Aufgaben, die ein Heim unbedingt leisten sollte.
Dazu gehören kleine Hilfestellungen und Beratungsgespräche,
möglichst das Angebot einer angeleiteten Gesprächsgruppe für
pflegende Angehörige.
Und
schließlich wünsche ich mir einen Umgang mit Angehörigen, der
sich jenseits von Klischees bewegt. Nicht weil ich als Professionelle
einmal gelernt habe, daß pflegende Angehörige in der Gefahr
sind, die ihnen Anvertrauten zu bevormunden, trifft das auf
alle zu. Nicht weil viele Pflegende ihr eigenes Leben zu stark
zurücknehmen, ist das bei jedem pflegenden Angehörigen der Fall.
Nicht weil für die eine das Lesen von Büchern zum Thema eine
große Hilfe ist, ist das für den anderen auch so. Auch im Umgang
mit den Angehörigen ist ein individuelles Wahrnehmen der Situation
vonnöten.
Schluß
Ich
denke, das Bild, das ich gezeichnet habe, ist keine Utopie.
Vieles davon wird in einzelnen Heimen verwirklicht.
Ich
weiß, wie eng die Finanzen in der Pflege Demenzkranker gesetzt
sind und daß hier politisch noch einiges durchgesetzt werden
muß. Ich sehe, daß die finanzielle Situation katastrophal ist.
Und gleichzeitig behaupte ich: Auch jenseits besserer finanzieller
Möglichkeiten läßt sich ungeheuer viel an Lebensqualität für
Demenzkranke in unseren Heimen verändern. Vieles, was ich an
Beispielen angesprochen habe, läßt sich erreichen
·
durch sinnvoll eingesetzte Fortbildungsmaßnahmen
und inhaltliche Begleitung für Mitarbeitende
·
durch den Aufbau von ehrenamtlichen Hilfsdiensten
·
und vielleicht vor allem durch mehr Aufmerksamkeit
und Sensibilität für die spezifischen Bedürfnisse Demenzkranker
und durch das Bemühen um wirklich menschenwürdiges Leben im
Heim.
Ich
hoffe, daß der heutige Tag ein weiterer Schritt auf diesem Weg
ist.
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